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Obdachlosigkeit ist kein Phänomen, das nur in armen Ländern zu beobachten ist. Auch vergleichsweise sehr reiche Staaten wie Luxemburg – nach dem Bruttoinlandsprodukt das reichste Land der Welt – kennt Obdachlose und muss sich um sie kümmern. Die dortigen Medien berichten zeitweise über solche Fälle, die aus Sicht der Luxemburger Bevölkerung sicher als exotisch gelten, aber stets individuelle Hintergründe haben – wie auch hierzulande. Denn eines steht fest: Freiwillig ist niemand obdachlos.

Was bedeutet Obdachlosigkeit in Luxemburg?

Auch in Luxemburg gibt es Obdachlose (Quelle: Bigstock-ID-52518508-by-Kasia Bialasiewicz)

Auch in Luxemburg gibt es Obdachlose (Quelle: Bigstock-ID-52518508-by-Kasia Bialasiewicz)

Um zu verstehen, warum wir gerade das Beispiel Luxemburg für die Fragestellung “Obdachlosigkeit in reichem Umfeld” wählen, muss man einige Zahlen kennen. Wir vergleichen sie mit denen

aus dem ebenfalls nicht armen Staat Deutschland.

Vergleich
Deutschland Luxemburg
Obdachlosigkeit in %: 0,045% Obdachlosigkeit in %: 0,375%
Bruttoinlandsprodukt(BIP): 46.268 $ Bruttoinlandsprodukt(BIP): 110.697 $
  • Die Zahl der Obdachlosen (jeweils geschätzt) liegt in Luxemburg bei 250 auf 550.000 Einwohner (Quote: 0,045 %), in Deutschland bei 300.000 auf 80 Millionen Einwohner (Quote: 0,375 %). Das bedeutet, es gibt in Relation zur Einwohnerzahl in Deutschland mehr als 8 Mal so viele Obdachlose wie in Luxemburg.
  • Das BIP (Bruttoinlandsprodukt) pro Kopf der Bevölkerung liegt in Luxemburg bei 110.424 Dollar, kaufkraftbereinigt sind es 98.814 Dollar. Damit hält Luxemburg in den beiden Betrachtungsweisen jeweils den 1. Platz in der Welt.
  • In Deutschland beträgt das BIP46.268 Dollar (18. Platz), kaufkraftbereinigt sind es 40.007 Dollar (15. Platz). Luxemburger können sich für ihr Einkommen fast 2,5 Mal so viel leisten wie Deutsche.
  • Die Sozialleistungen in Luxemburg liegen ebenfalls sehr hoch: Sie betragen ohne Kindergeld 2158,18 Euro für eine Familie mit zwei schulpflichtigen Kindern und 1399,90 Euro für eine Alleinerziehende mit einem schulpflichtigen Kind. Auf diese Sozialhilfe (die unserem Hartz IV entspricht) müssen die Empfänger Steuern zahlen. Der Steuersatz ist mit höchstens 10 % anzusetzen, sodass die Familie mit zwei Kindern möglicherweise auf 1.950 Euro käme. Zum Vergleich: Die deutsche Hartz IV Familie bekäme 1.873 Euro, auch wenn die Sätze wegen der speziellen Hartz-Gesetze (u.a. gesonderte Berechnung der Wohnkosten) nur schwer vergleichbar sind.

Warum werden dann in Luxemburg Menschen obdachlos?

Diese Frage ist absolut berechtigt. Viele Deutsche fragen sich das auch angesichts unserer einheimischen Obdachlosen, bei einem so reichen Land wie Luxemburg jedoch macht uns das Phänomen fassungslos. Hierfür gibt es aber Hintergründe und individuelle Schicksale, die es zu analysieren gilt. Die dortige Presse hat sich verschiedener Fälle angenommen und berichtet beispielsweise über den obdachlosen Kanadier Georges Edward Nixon (58), der schon seit 1980 im EU-Staat lebt und lange auch arbeitete, aber nie eingebürgert wurde, weil er sich offensichtlich nicht darum bemühte. Er hatte einen gut bezahlten Job in der Industrie und eine Familie, wurde aber 2004 arbeitslos und hätte nun als Nicht-EU-Bürger europäisches Arbeitslosengeld und europäische Sozialleistungen beantragen müssen. Das war mit so viel Bürokratie verbunden, dass Nixon aufgab. Hier findet sich ein Knackpunkt, der die meisten Obdachlosen in Wohlstandsstaaten betrifft: Sie sind psychisch zermürbt, oft depressiv, häufig körperlich kaum noch fit und in einigen Fällen von ihrem sozialen Umfeld aus verschiedenen Gründen abgeschnitten. Beim Kanadier Nixon in einem Lebensalter, in welchem möglicherweise auch die Eltern nicht mehr leben, leuchtet das sofort ein. Nun sollen diese Menschen sich mit der Bürokratie auseinandersetzen, die wir alle, meine sehr verehrten (gesunden, finanziell gesicherten, sorgenfreien) Damen und Herren, schon beim Ausfüllen unserer jährlichen Steuererklärung zutiefst verabscheuen. Gegen einen Antrag auf Hartz IV ist jedoch Ihre Steuererklärung ein Sandkastenspiel. Der Kanadier Nixon scheiterte möglicherweise zusätzlich an Sprachbarrieren.

Wie kümmert sich Luxemburg um seine Obdachlosen?

Es gibt Obdachlosenunterkünfte und Sozialverbände, die sich um die Obdachlosen kümmern, jedoch ist es nicht jedermanns Sache, in einem Quartier mit 50 bis 70 Personen zu übernachten. Das ist einer der Gründe, warum Obdachlose tatsächlich manchmal auf der Straße oder in leer stehenden Abbruchhäusern schlafen. Das Luxemburger „Comité national de défense sociale“ hat ein Housing-first-Projekt ins Leben gerufen, das Langzeitobdachlosen die Möglichkeit bietet, in kleinen Studios unbefristet und allein zu leben. Der wichtigste Aspekt in dieser Hinsicht ist ihre Unabhängigkeit, sie werden nicht – wie in nahezu allen Obdachlosenquartieren – bevormundet. In solchen Unterkünften herrschen sehr strenge Regeln, alle Drogen inklusive Alkohol sind verboten, geraucht wird nur vor der Tür. Ab einer bestimmten Zeit herrscht Nachtruhe, dann darf niemand mehr kommen. Viele Obdachlose mögen das nicht. Das Luxemburger Housing-first-Projekt setzt wesentlich liberalere Regeln an, kann aber bislang nur wenige Plätze bieten. Für Obdachlose können die fehlende Unterstützung und ihr eigenes Unbehagen gegenüber reglementierten Unterkünften gefährlich sein: Auch in Luxemburg gibt es bisweilen Todesopfer auf der Straße.

Obdachlos – Kann mir das auch passieren?

Prinzipiell: Ja. Es gibt aus jeder Branche Obdachlose:

  • Rechtsanwälte
  • Manager
  • Ingenieure
  • Musiker
  • ehemalige Bankangestellte
  • Handwerksmeister

Nur um ein paar Beispiele zu nennen. Es ist immer eine Melange aus Erschöpfung, Überdruss, Pech, sozialem Rückzug (oft aus Stolz) und schließlich Verbitterung über den Hartz IV Antrag. Solche Anträge – ebenso wie die Steuererklärungen – erfinden Beamte, also die am besten gesicherten Menschen in der Bevölkerung. Viele Menschen brauchen erst einmal eine sehr lange Zeit um ihre eigene Lage zu erkennen. Auch wenn Freunde und Bekannte darauf hinweisen, dass es offensichtlich immer weiter Berg ab geht. Dies ist ein psychisches Problem vieler, die in eine solch bittere Lage schlittern. Aus jahrelangem Trott ohne Probleme steht auf einmal eine Wand voller Probleme vor einem. Das ist es, was viele Privatpersonen erschlägt und ihnen die Hoffnung nimmt. Das beste Mittel oder der beste Schutz sind Menschen die ehrlich zu einem sind und einem unter die arme Greifen um nicht in eine solche Misere zu gelangen. Auch gibt es viele Anlaufstellen, bei denen man sich Hilfe holen kann. Viele Menschen denken nicht, dass die Obdachlosigkeit einem selbst widerfahren könnte. Doch die Geschichte zeigt, dass es jeden treffen kann.

 

Bildquelle: Bigstock-ID: 52518508 by Kasia Bialasiewicz

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